Interview: Trauer am Arbeitsplatz„Trauerprozesse verlaufen höchst individuell und folgen keinem festen Muster“
26. Oktober 2026

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Prof. Dr. Dorothea Alewell war aus aktuellem Anlass Gesprächspartnerin im Bayerischen Rundfunk (BR24) zum Thema „Trauer am Arbeitsplatz“. In diesem ergänzenden Interview beschreibt sie, wie wenig der Umgang mit Trauer in Unternehmen geregelt ist und was dabei helfen kann, Trauernde zu unterstützen.
Anlässlich des kürzlichen Rücktritts der ehemaligen Bundesministerin für Arbeit und Soziales Bärbel Bas hat Dorothea Alewell, Professorin für Personalwirtschaft, in einem Interview Stellung zum Thema „Trauer am Arbeitsplatz“ genommen. Frau Bas hatte Mitte Oktober ihr Amt aufgrund des Todes ihrer Stieftochter und dem Wunsch nach Rückzug für die Trauerverarbeitung aufgegeben. Das Gespräch wurde im Bayerischen Rundfunk (BR24) gesendet.
Im Bayerischen Rundfunk spricht Prof. Dr. Alewell darüber, was Trauer bei Beschäftigten auslösen kann. Und welche Empfehlungen für Betriebe im Zusammenhang mit Trauer am Arbeitsplatz abgeleitet werden können. Sie nimmt auch Stellung, ob es sinnvoll war, dass Bärbel Bas ihren Rücktritt mit der persönlichen Trauersituation begründet hat.
Wir greifen das Thema „Trauer am Arbeitsplatz“– und auch im Studium - an dieser Stelle auf, um einen Einblick in wichtige Perspektiven zu geben. Wer die Thematik vertiefen möchte, findet weitere Antworten in dem ausführlicheren Interview mit dem BR24.
University of Hamburg Business School: Frau Professor Alewell, wie ist der aktuelle Umgang mit Trauer am Arbeitsplatz in Deutschland? Kann man das überhaupt verallgemeinern?
Prof. Dr. Dorothea Alewell: Nach unseren bisherigen Interviews in der ersten Phase eines Forschungsprojektes scheint es so zu sein, dass es in vielen Betrieben und Unternehmen keine expliziten Konzepte und wenig inhaltliche Vorbereitung auf Trauerfälle gibt. Teilweise gibt es Richtlinien eher formaler Art, z. B. dazu, in welchen Fällen das Unternehmen eine Traueranzeige schaltet und finanziert und in welchen Fällen eher nicht, oder wer für die Teilnahme an einer Beerdigung von der Arbeit freigestellt wird. In Bezug auf Arbeitnehmende, die trauern und phasenweise vielleicht nicht arbeitsfähig sind, werden häufig die allgemeinen Regeln zur Arbeitsunfähigkeit angewendet. Von einem umfassenden Konzept im Sinne eines Trauermanagements haben wir nur in einem Unternehmen gehört, andere sind gerade auf den Weg, dort etwas zu entwickeln. Allerdings haben wir zu diesen Fragen noch keine belastbaren repräsentativen Daten aus großzahligen Studien. Bisher liegen nur Ergebnisse aus einer kleinen Zahl qualitativer Interviews der ersten Forschungsphase mit Arbeitnehmenden und Führungskräften vor, auch im Human Resources (HR)-Bereich, und die Erkenntnisse von Trauerbegleitern und Trauercoaches.
Gibt es Richtlinien, wie Arbeitgeber mit trauernden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern umgehen sollten? Und was ist Ihre persönliche Empfehlung in solchen Situationen?
Nach unseren bisherigen Gesprächen und der Lektüre vorhandener Literatur schälen sich verschiedene Problemfelder bzw. auch Aspekte heraus, auf die Betriebe und Organisationen sich etwas vorbereiten können.
Erstens, Trauerprozesse verlaufen höchst individuell und folgen keinem festen Muster. Während manche Menschen sich für eine gewisse Zeit vollständig arbeitsunfähig fühlen bzw. auch sind (z. B. durch Brain Fog, Schlaflosigkeit, Konzentrationsprobleme), leiden andere nicht so stark unter körperlichen Symptomen. Dieser zweiten Gruppe kann es guttun, neben dem schon erlittenen Verlust nicht auch noch den Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen zu unterbrechen, sondern die gewohnte Tages- und Wochenstruktur zu erhalten und weiter arbeiten zu gehen. Manche Menschen möchten ihre Trauer komplett aus dem Betrieb raushalten und ziehen sich völlig zurück, andere fühlen sich menschlich gesehen und unterstützt, wenn sie auch im Betrieb ab und an davon erzählen können, wie es ihnen geht. Während für manche Menschen gerade die ersten Wochen nach dem Todesfall besonders schmerzhaft sind, berichten andere darüber, dass sie zu Beginn wie in einer Nebelwolke durch die Gegend laufen und so viel zu erledigen hatten, dass nichts wirklich zu ihnen durchdringt. Der „große Schmerz“ kommt manchmal erst viel später, und so kann das zweite oder dritte Jahr nach einem Trauerfall manchmal schlimmer empfunden werden als die erste Zeit. Das ist auch deswegen zu beachten, weil zu diesen späteren Zeitpunkten das Umfeld schon längst wieder zur Tagesordnung übergegangen ist. Und kaum noch jemand daran denkt, was dieser Mensch erlebt hat.
Eine wichtige Antwort der Betriebe hierauf ist, im Gespräch zu bleiben, immer wieder nachzufragen, was der jeweiligen trauernden Person jetzt gerade guttut und welche Unterstützung willkommen wäre. Wichtig finde ich auch, zu schauen, wie man mit flexiblen Regelungen beispielsweise zu Arbeitsort, Arbeitszeit und zu übernehmenden Aufgaben reagieren kann. Und wer dann noch daran denkt, dass Jahrestage und Feiertage für die Trauernden auch mehrere Jahre danach noch emotional schwierig sein können, leistet schon einen wesentlichen Beitrag zur guten Unterstützung.
Zweitens, im Umfeld trauernder Menschen entsteht häufig eine große Hilflosigkeit auch bei Kolleginnen, Kollegen und Führungspersonen, wie sie mit der Trauer umgehen können. Dabei kann ein Mix aus Effekten auftreten: Im beruflichen Kontext ist es ungewohnt, mit starken Gefühlen konfrontiert zu werden. In der Regel verbinden wir professionelles Auftreten damit, dass wir starke Gefühle gut regulieren können. Bei Trauer, hinter der die existentielle Erfahrung der Endlichkeit menschlichen Lebens liegt, gelingt aber genau das häufig nicht: Es gibt Tränen, Verzweiflung, Schmerz, Angst, Schuldgefühle. Und nicht nur der Trauernde selbst, sondern auch sein Umfeld ist unsicher, wie damit umzugehen ist am Arbeitsplatz. Oft treten auch eigene Ängste im Umfeld auf – wenn der Kollege seine Frau an eine Krankheit verloren hat, die genauso alt war wie ich selbst – kann mir das nicht auch selbst passieren? Auch mein Leben ist ja endlich. Oder: wir haben oft kurz über unsere Familien gesprochen – darf ich jetzt noch von meiner Frau und unserem Wochenendausflug erzählen, wenn seine gerade verstorben ist? Besonders intensive Fragen stellen sich bei Selbsttötungen, insbesondere von Betriebsangehörigen. Da treten auch Fragen nach möglicher Schuld auf – haben wir dazu beigetragen durch den Konflikt letzte Woche? Hätten wir was merken müssen und das verhindern können? Was haben wir übersehen? Diese Hilflosigkeit kann auch zu einer Distanzierung von der trauernden Person führen, die dann zusätzlich zu ihrer Trauer auch noch mit Isolation zu kämpfen hat. Und gerade in Managementbereichen sehen sich viele eher als die Macher, die alles im Griff haben sollen oder müssen – und kontrollieren und steuern. Da kann es besonders schwer sein, diese Hilflosigkeit auszuhalten – oder auch als Führungskraft z.B. dazu zu stehen, dass man weinend im Meeting saß.
Sich das klarzumachen, dass diese Hilflosigkeit uns alle im Umfeld mehr oder weniger trifft, ist der erste wichtige Schritt. Und dann gut aufzupassen, dass das nicht in Distanzierung von der trauernden Person mündet. Im Zweifel kann Zuwendung auch bedeuten, sein Mitgefühl ebenso auszudrücken wie die eigene Hilfslosigkeit – und dann auf vielen verschiedenen Ebenen Anteilnahme auch nonverbal oder durch Gesten auszudrücken. Ein „Ich hole gerade Kaffee, magst Du auch kurz Pause machen oder kann ich Dir einen mitbringen?“ oder ein Gruß auf dem Schreibtisch mit Schokoriegel und einem guten Wunsch kann da schon viel helfen, auch wenn man nicht die richtigen Worte parat hat.
Wie bewerten Sie den Rücktritt von Frau Bas aus ihrem Amt als Bundesministerin? Kann die Öffentlichmachung der persönlichen Trauersituation Verständnis wecken oder bietet sie eher eine weitere Angriffsfläche im ohnehin harten politischen Alltag?
Ob es für Frau Bas persönlich gut ist, kann ich nicht beurteilen, da Trauerprozesse eben sehr individuell verlaufen. Aber das wird sie gut für sich überlegt und abgewogen haben. Und natürlich kann leider fast alles als Angriffsfläche benutzt werden, auch wenn es eine völlig richtige Entscheidung für den Menschen ist. Ich kann auch nicht beurteilen, wer da wie sensibel und angemessen mit wem umgegangen ist. Dies vorausgeschickt, finde ich persönlich Frau Bas‘ Entscheidung völlig richtig. Denn durch ihren Rücktritt mit dieser Begründung wird Trauer zu einem Thema, über das mehr gesprochen wird. Das begrüße ich, weil wir es gerne tabuisieren und wegdrängen. Und wenn wir alle etwas mehr Erfahrung damit haben, mit Trauersituationen gut umzugehen, macht das unsere Gesellschaft menschlicher.
Und zweitens finde ich es genau richtig, wenn man sich individuell für eine Zeit nicht voll arbeitsfähig fühlt, gerade in einem so verantwortlichen Amt als Ministerin dann auch die Konsequenz zu ziehen und zu sagen, dann kann ich dieses Amt auch phasenweise nicht ausüben. Da Vertretungsregelungen bei Ministerinnen und Ministern ja mittelfristig eher schwierig sein können, bleibt dann vielleicht auch nur der Rücktritt. Also insgesamt: Ich habe sehr hohen Respekt vor ihrer Entscheidung und finde das durchaus richtig und in Teilen auch vorbildlich.
Welche Möglichkeiten gibt es für trauernde Studierende an der Uni Hamburg? Werden Trauerfälle hier überhaupt sichtbar und gibt es dann beispielsweise die Möglichkeit, bereits angemeldete Prüfungen oder auch Abgabefristen von Abschlussarbeiten zu verschieben?
All die persönlichen Aspekte und Empfehlungen oben gelten meines Erachtens auch für Studierende und den Umgang sowohl zwischen Studierenden als auch zwischen Studierenden und Lehrenden. Und auch, was die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen angeht – Studierende können sich auch bei trauerbedingter Arbeitsunfähigkeit krankschreiben lassen oder Atteste einreichen oder bei entsprechend schwieriger Situation auch Härtefallanträge einreichen, um eine an ihre Bedürfnisse besser angepasste Studienplanung zu erreichen. Und auch hier gilt wie in vielen Betrieben sonst auch – ein umfassendes Konzept, wie mit Trauerbegleitung umzugehen ist, gibt es nicht. Es kommt umso mehr auf das menschliche Augenmaß und Mitgefühl aller Beteiligten in den Studienbüros, Prüfungsausschüssen, unter den Lehrenden und den anderen Studierenden an.
Vielen Dank für das Gespräch.
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