InterviewDr. Tobias Vlćek: Habilitand, Unternehmer und Familienvater
10. Januar 2026

Foto: Mirjam Kilter
Der Logistikexperte gibt einen Einblick über die Verbindung von wissenschaftlicher Karriere, Unternehmertum und Familie.
Dr. Tobias Vlćek, 31, ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Habilitand am Institut für Logistik, Verkehr und Produktion bei Prof. Dr. Knut Haase. Über seine wissenschaftliche Karriere hinaus ist er an verschiedenen Unternehmen beteiligt und verbindet so die Theorie mit Praxiserfahrungen. Außerdem ist er Vater von zwei Kindern im Alter von 4 und 6 Jahren.
In einem Interview erklärt er die Motivation für seinen Weg und wie er es schafft, allen Herausforderungen gerecht zu werden.
Worum geht es bei den Unternehmen Beyondsimulations und decorum SOLAR, die Sie gegründet haben?
Dr. Tobias Vlćek: Bei BeyondSimulations handelt es sich um eine Beratungsfirma, mit der ich in erster Linie Praxisprojekte im Bereich der mathematische Optimierung und Simulation mittels Softwareprogrammierung umsetze. Mein Ziel ist, das theoretische Wissen, das an Universitäten bereits existiert, auch in der Praxis zur Anwendung zu bringen. Gleichzeitig biete ich auch Workshops in diesen Bereichen und zur Zusammenarbeit mit generativer Künstliche Intelligenz (gKI) an, die ich ebenfalls intensiv zur Arbeit nutze.
Bei decorum SOLAR handelt es sich um ein modernes Handwerksunternehmen. Wir installieren im Großraum von Hamburg Balkonkraftwerke für Firmen- und Privatkunden, unter anderem auch an Fassaden, Ziegeldächern und auf Flachdächern. Im Gegensatz zu vielen alteingesessenen Handwerksunternehmen, sind wir sehr digital unterwegs: Kundinnen und Kunden können sich direkt auf der Webseite unverbindlich den Preis für eine Montage und die mögliche Stromersparnis berechnen. Bilder können direkt hochgeladen werden und wir können in der Regel bereits innerhalb von einem Tag ohne großen Aufwand unsererseits Angebote zum Festpreis erstellen. Wir differenzieren uns ferner auch von anderen Anbietenden, indem wir darauf achten, nur hochwertige Komponenten, insbesondere bei den Unterkonstruktionen, zu verwenden.
Wie kam es zu den Beteiligungen? Waren Sie schon von Anfang an in die Gründung involviert oder sind Sie später dazugestoßen?
BeyondSimulations habe ich Anfang 2023 allein gegründet, nachdem ich meine Disputation eingereicht hatte. Im Rahmen meiner Promotion habe ich bereits mit mehreren Praxispartnern zusammengearbeitet und mir hat die Arbeit viel Freude gemacht. Nach der Promotion wollte ich diese Arbeit fortsetzen und intensivieren, da ich bislang nicht sicher war, wohin mich mein Weg führen würde.
Die Firma decorum SOLAR habe ich im Sommer 2023 mitgegründet. Ich hatte Anfang 2023 bei mir ein Balkonkraftwerk installiert. Meine Eltern haben es gesehen und waren ebenfalls interessiert, allerdings war es ihnen zu schwierig, das Ganze selbst zu installieren und die richtigen Teile zu wählen. Also habe ich Ihnen geholfen. Das hat dazu geführt, dass auch meine Großeltern an einem Balkonkraftwerk interessiert waren. Allerdings war hier nur die Installation auf dem Ziegeldach möglich. Ich kannte mich da nicht groß aus und habe deswegen zuerst geschaut, ob es nicht professionelle Anbieter in Hamburg gibt. Und: Die gab es nicht. Im Frühjahr 2023 war ich dann unter anderem mit meinem Onkel Peter Goehle, der einen eigenen Handwerksbetrieb besitzt, im Urlaub, und wir haben uns darüber unterhalten. Bereits am ersten Tag haben wir ausgemacht, es einfach mal gemeinsam mit einer neuen Firma in diesem Bereich zu versuchen. Nicht einmal drei Monate später haben wir decorum SOLAR gegründet und mittlerweile weit über 100 Anlagen in Hamburg und Umgebung installiert.
Welche Aufgaben übernehmen Sie in beiden Startups?
Bei BeyondSimulations übernehme ich alle Aufgaben. Ich bin sehr gut darin geworden, mit gKI zu programmieren und zu arbeiten, und kann auch größere Projekte sehr effizient umsetzen. Ich kann hier aber auch immer auf Hilfe aus den Firmen Planningio GmbH und desior GmbH zurückgreifen, die ebenfalls an der Universität Hamburg gegründet worden sind. Mit deren Mitarbeitenden bin ich sehr gut befreundet und wir arbeiten bei Bedarf öfter zusammen. Ferner habe ich mit Prof. Dr. Knut Haase auch immer jemanden, der mit unterstützend zur Seite steht.
Bei decorum SOLAR habe ich eigentlich nur noch eine beratende Tätigkeit und helfe bei der Wahl der geeigneten Komponenten sowie der strategischen Ausrichtung. Das operative Geschäft wird durch Leon Goehle geleitet, der in Vollzeit bei der Firma beschäftigt ist und ebenfalls Anteile besitzt.
Gibt es Risiken, die Sie mittragen?
Grundsätzlich trage ich das finanzielle Risiko beider Gründungen. Die BeyondSimulations GmbH gehört mir zu 100 % und ist selbst zu 33 % an der decorum SOLAR GmbH beteiligt. Ich bin aber durch meine Arbeit an der Universität Hamburg abgesichert und das hat mir ermöglicht, im Rahmen einer Nebentätigkeit beide Unternehmen zu gründen. Ferner ist auch meine Partnerin beruflich erfolgreich tätig, sodass wir uns keinem großen Risiko ausgesetzt fühlen.
Wie können Sie Ihre wissenschaftliche Arbeit in der Professur mit den Aufgaben in der Praxis verbinden, welche Synergieeffekte gibt es?
An der Universität habe ich einen Großteil von dem gelernt, was ich nun in der Praxis zur Anwendung bringen kann. Ferner habe ich viele Kontakte zur Praxis und mein Netzwerk über die Universität geknüpft. Einen großen Anteil trägt aber auch Prof. Dr. Knut Haase, der sowohl mich als auch andere dazu inspiriert und als inoffizieller Mentor auch angeleitet hat, die ersten Schritte in Richtung einer Selbstständigkeit zu gehen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar! Ferner werden Praxisprojekte am Ende auch gerne einmal wissenschaftliche Arbeiten, wie ein aktuelles Forschungsthema von mir zur Metro-Einlasssteuerung, das von einem praktischen Problemfall inspiriert ist.
Was würden Sie Nachwuchsforschenden, aber auch Studierenden und Absolventinnen und Absolventen raten, wenn sie sich mit dem Gedanken beschäftigen, in einem Unternehmen einzusteigen?
Ich würde dazu raten, die Gründungsangebote und Start-up-Workshops der University of Hamburg Business School zu nutzen. Ich selbst habe zwei tolle Workshops bei Prof. Dr. Michel Clement zum Thema Gründung mitgemacht. Einmal als Masterstudierender und dann nochmals als Doktorand. Es war sehr hilfreich, sich einfach einmal frei im Rahmen eines Moduls unbelastet mit dem Thema „Gründung“ zu beschäftigen. Das Mentoring-Angebot ist ebenfalls eine super Chance und ich habe das Glück, hier mit Markus Hamer zusätzlich zu Prof. Dr. Knut Haase einen tollen Mentor bekommen zu haben.
Ferner ist eine Grundsicherung auch nicht schlecht und hilft, das Risiko einer Gründung abzumildern. Viele Stellen an der Universität sind mittlerweile (leider) nur noch 75 %-Stellen.
Das bietet einem aber auch die Chance, das Beste daraus zu machen und die weiteren 25 % sowie zusätzliche 8–9 Stunden pro Woche (da 48 Stunden pro Woche die maximal erlaubte Arbeitszeit sind) in die eigenen Gründungsideen zu stecken.
Wie schaffen Sie es bei dem Pensum, sich außerdem um Ihre Familie zu kümmern?
Ich habe zwar kein richtiges Rezept, aber ich bin ein großer Fan der Bücher von Emily Oster. In ihren Büchern geht es humorvoll darum, die Familie wie eine kleine Firma zu managen. Meine Partnerin und ich haben einen gemeinsamen Kalender, in dem wir alle unsere Termine, die der Kinder und sonstige Absprachen eintragen. So haben wir die Betreuung fair aufgeteilt und wissen immer, wie viel Zeit uns in den nächsten Tagen zur Verfügung steht. Dadurch können wir jeder unsere Aufgaben gut planen. Wenn wir dann Zeit mit den Kindern haben, genießen wir sie auch richtig. Wir spielen mit ihnen, machen Ausflüge ins Museum, auf den Spielplatz oder einfach in die Innenstadt. Das Einzige, was da vielleicht etwas zu kurz kommt, ist, dass wir beide nur selten gleichzeitig etwas mit den Kindern unternehmen. Darüber hinaus bin ich auch ein intensiver Nutzer von generativer KI (gKI), da sie mir gerade in der Programmierung von kleineren Projekten hilft, schneller und zum Teil auch besser zu arbeiten. Außerdem sehe ich meine „Arbeit“ nicht als Pflicht, die mir keine Freude macht. Ich finde es spannend, verschiedene Themen gleichzeitig zu verfolgen, und die Abwechslung macht mir viel Spaß. Deshalb bin ich auch nicht erschöpft durch die Arbeit, sondern habe eigentlich immer genug Energie, um eine schöne Zeit mit meinen Kindern zu verbringen.
Welche beruflichen Ziele verfolgen Sie als nächstes: Sehen Sie sich eher in der Praxis oder in der Forschung oder möchten Sie weiterhin beides miteinander kombinieren?
Das habe ich mich auch eine lange Zeit gefragt. Mittlerweile bin ich so weit, dass ich gerne beides kombinieren würde. Allerdings nicht nur in der Kombination aus Praxis und Forschung. Zur Universität gehört für mich die Lehre ebenso dazu wie die Forschung, und sie macht mir wirklich eine große Freude. Gerade die Abwechslung aus Forschung, Lehre und Praxis sorgt für mich dafür, dass sich das alles, trotz der zeitlichen Belastung, nicht als Arbeit anfühlt. Dieses Gefühl würde ich mir gerne erhalten.

